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Mit der Weltkarte von Hamburg nach Berlin?

Jeder hundertprozentige Psychoanalytiker hält die Psychoanalyse für das einzig Wahre, jeder Verhaltenstherapeut ist davon überzeugt, das nichts über Verhaltenstherapie geht und wer mit Leib und Seele an Rebirthing glaubt, der weiß, dass allein die Rückführung in das frühere Leben die bestehenden Probleme lösen kann. Solch ein Schulenstreit im therapeutischen Bereich ist gelegentlich auch in der Diskussion um das richtige Vorgehen im Coaching zu beobachten. Da wird die eigene Methode für das allein selig machende Mittel der Wahl gehalten. Doch dogmatischer Streit um die besseren Konzepte und Methoden führt nicht zu wirklich guten Ergebnissen. 

Ich persönlich sehe das so: Jede dieser Schulen ist eine Art Landkarte mit einem jeweilig anderen Maßstab. Und so wie Landkarten unterschiedlicher Maßstäbe per se weder gut noch schlecht sind,  sondern passend sein müssen, für den Weg, den man gerade gehen will, sind auch die unterschiedlichen Methoden, die sich im Coaching herausgebildet haben, per se weder falsch noch richtig, sondern sie müssen zum Problem passen, sprich: Es lösen.
Ein Globus ist nicht „besser“ oder „schlechter“ als eine Wanderkarte, eine Straßenkarte ist nicht automatisch „hilfreicher“ als ein Messtischblatt - es kommt immer darauf an, was ich vorhabe. Wenn ich wissen will, wie ich von Hamburg nach Berlin komme, ist die Weltkarte ziemlich wertlos für mich und wenn ich globale geografische Zusammenhänge erfassen will, bin ich mit der Wanderkarte aus dem Bodenseegebiet zwischen Lindau und Meersburg aufgeschmissen. Und für manches brauche ich die Kombination verschiedener Landkarten, um meine Ziele zu erreichen.

Wenn man sich als Anfänger mit einer Coachingmethode vertraut gemacht und vielleicht auch schon einige gute Erfolge erzielt hat, neigt man dazu, diesen Ansatz nun für den einzig Wahren zu halten. Hat man dann ein paar Jahre Erfahrung hinter sich, so merkt man meistens, dass auch dieser Ansatz nur ganz bestimmte Aspekte im Coaching zeigt und dass man auch mit ganz anderen Sichtweisen und Konzepten zu respektablen Ergebnissen kommen kann - ja, das sich manches leichter und eleganter lösen lässt, wenn man sich einen weiteren Blickwinkel zu eigen macht.

Deshalb denke ich, dass eine Coachingausbildung, die einzig und allein eine Richtung vertritt, genauso hilfreich ist wie das Argument, man brauche, um auf der Welt zurecht zu kommen, nur einen Globus, denn auf dem ist schließlich alles drauf. Man kann niemals mit nur einem Mittel alles lösen. Wenn man jedoch nur ein einziges Mittel zur Verfügung hat, ist man in Gefahr, genau das zu versuchen: Man versucht dann, das Problem so hinzubiegen, dass es zur vorhandenen Problemlöse-Technik passt. Wenn die einzige Betrachtungsweise die Psychoanalyse ist, ist jedes Problem auf die Sexualität zurückzuführen, ist es die Verhaltenstherapie, so muss eine falsche Konditionierung berichtigt werden, ist es die Transaktionsanalyse, so muss die Kommunikation optimiert oder ein krummes Skript begradigt werden.

Worauf ich hinauswill, ist wahrscheinlich schon klar geworden: Wenn wir im Coaching einen Klienten mit einem Problem haben, dass auf Schwierigkeiten im System zurückzuführen ist, so muss der Coach in der Lage sein, das unter systemischen Gesichtspunkten zu analysieren und mit dem Klienten zu besprechen. Haben wir einen Klienten mit einem persönlichen Problem, muss der Coach auch damit umgehen können, sei es auf der Verhaltensebene, sei es auf einer tiefer liegenden persönlichen Ebene. 

Alle Blickwinkel, die man mit etablierten Coachingmethoden einnehmen kann, sind hilfreich und wichtig, aber jeder einzelne für sich genommen ist nicht hinreichend, um ein wirklich gutes Coaching machen zu können. Deshalb halten wir es für so wichtig, dass in Coachingausbildungen nicht nur eine einzige Sichtweise auf ein Problem gelehrt wird, sondern aufgezeigt wird, dass man aus ganz verschiedenen Richtungen darauf schauen kann. Das erleichtert die tägliche Arbeit ganz enorm. Deshalb sollte die Grundlage für jede seriöse Coachingsausbildung breiter sein als nur die Beschränkung auf eine einzige Methode. Es gibt kein „konkurrenzloses“ Verfahren im Coaching! Man engt sich damit nur ohne Not selbst ein, denn natürlich verengt sich der Zugang zu Lösungswegen und Lösungsideen, wenn man nur eine einzige Methode zur Verfügung hat. Ein Coach, der gelernt hat, sich als erstes zu fragen „Mit welcher meiner verschiedenen Landkarten erreiche ich in diesem Fall mein Ziel am sichersten?“ hat es im Coaching sehr viel leichter, erfolgreich zu sein, als einer, der mühsam versuchen muss, auf Wanderkarten den Weg von München nach Kiel zusammenzustellen. 

 

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